15.
September
2017
Traditionen auf der Wiesn? Passen diese beiden Wörter überhaupt zusammen?

Jährlich kommen knapp 6 Millionen Menschen aus der ganzen Welt nach München auf das Oktoberfest, um dieses große Spektakel mitzuerleben. Viele kommen aber auch nur für den übermäßigen Alkoholgenuss. Was die Meisten nicht wissen ist, dass alles mit einer königlichen Hochzeit im Jahr 1810 angefangen hat. Pferderennen wurden veranstaltet, die Brauereien schenkten ihr Bier aus und es gab etliche Züge mit Kindern in bayerischer Tracht. Es war ein großes Zusammenkommen vom Volk - von Arm und Reich.

Man behielt sich die Tradition einmal im Jahr ein Fest zu veranstalten. Zu den Pferderennen kamen jedoch Schaukeln, Kegelbahnen und ein Karussell hinzu.
Das Oktoberfest wuchs mit jedem Jahr mehr. Es wurden große Bierhallen gebaut, Musikkapellen traten auf und Fahrgeschäfte wurden errichtet.

Jetzt gilt die Wiesn als das größte Volksfest der Welt, aber ist der Grundgedanke von früher überhaupt noch da? Wir schauen uns das Ganze mal genauer an:

Alles um die Tracht
Vor über 200 Jahren war die “Tracht“ nur die alltägliche Kleidung der Bauern und einfachen Leute. Erst König Maximilian II. verschrieb sich der Förderung der ländlichen Kleidung und die Wittelsbacher verbreiteten die Tracht zur Hebung des bayerischen Nationalgefühls und zur Stärkung des Selbstbewusstseins gegenüber den Preußen. Doch wenn man sich die heutige Tracht ansieht - bei den Männern das wichtigste Merkmal die Lederhose und bei den Frauen das Dirndl - so erkennt man nur noch bei wenigen ihren Ursprung. Aus Hirschledernen (Lederhose aus Hirschhaut) wird Kunstleder und aus Haferlschuhen AirMax. Aus groben Leinen der Kleider wird Spitze und aus einfachen Mustern Blümchen und Herzchen. Jeder protzt nur noch mit der schönsten Tracht und dem tiefsten Ausschnitt. Wenn das alles wäre, würde ich mich ja gar nicht beschweren. Diejenigen, die mit dem bayerischen Brauch nichts zu tun haben, wollen Teil der Gemeinschaft werden und kaufen sich Fake-Tracht aus dem Faschingsgeschäft. Doch die Schlimmsten von allen machen die Wiesn zum größten Kostümfest der Welt und so laufen auch die Männer in kurzen Röckchen mit blonden Zöpfen herum.


Alles um das Bierzelt
1810 bedankten sich die Wittelsbacher mit Bier und Brotzeit für das große Pferderennen zur Hochzeit. Auch Jahre später behielt man es so bei, doch mit der Zeit kamen mehr Menschen zu den Festen und es wurden statt der Bierbuden richtige Bierhallen gebaut um nicht nur den Besuchern genügend Platz zu bieten, sondern auch den Musikkapellen. Man wurde mit Blasmusik und Folklore unterhalten. Zur Volksmusik wurde getanzt und das ein oder andere Bierchen getrunken. Arm und Reich traf sich in den Hallen um gemütlich beisammen zu sitzen, um Geschäfte zu machen und um zu speisen. Doch was ist aus diesem urigen Beisammensein geworden? Die Bierhallen wurden zwar größer und vermehrten sich, aber sie bieten längst nicht den Platz für die Menschenmassen, die heute auf das Oktoberfest stürmen. Man muss sich durch die Gänge quetschen und wird einmal von oben bis unten mit Bier überschüttet, weil alle Betrunkenen nicht mehr wissen wohin sie eigentlich laufen. Auch die Bedienungen pfeifen sich mürrisch mit riesigen Tabletts voller Essen oder etlichen Krügen in den Händen durch die Menge. Wenn man dann tatsächlich das unglaubliche Glück hat einen Tisch zu ergattern, könnte man ja eigentlich schon gratulieren. Ich frage mich allerdings, was daran so toll sein soll, die ganze Zeit herum zu schreien in der Hoffnung, sein Gegenüber mit den Worten zu erreichen. Bei  lauter Musik und dem Gebrüll der anderen Besucher, bleibt einem aber auch nichts anderes mehr übrig. Die Zeiten der Blasmusik und den angenehmen Gesprächen ist schon fast abgelaufen. Jetzt sind die Ballermann-Hits die Nummer eins! Zu Micki Krause wird getanzt, bei Helene Fischer gekreischt und spätestens beim „Bob fahren“ fällt die Hälfte von den Bänken. Und ja wenn man sich nicht mehr unterhalten kann und einem alles wehtut - naja dann trinkt man eben. Und so geht's immer, immer weiter.

Alles um die Fahrgeschäfte und die Wiesnstände
Größer, schneller, höher. So entwickeln sich die Achterbahnen, Karussells und andere Fahrgeschäfte von Jahr zu Jahr weiter. Und auch die Preise für die irren Fahrten werden immer teurer. Klar die Unterhaltung ist auf jeden Fall da, aber wenn sich einige Betrunkene in der Warteschlange prügeln oder nach einer wilden Achterbahn ihr Bier wieder loswerden, hört der Spaß doch auf. Hat man noch nicht genug Geld ausgegeben, geht’s weiter zum Essen. Vielleicht eine Bratwurst, ein halbes Hendl oder doch was süßes? Es gibt mittlerweile ein riesiges Angebot an leckeren Sachen! Aber schaut euch nur die Preise an!

Da fragt man sich doch einfach nur: Wo sind nur die ruhigen Karussells, die traditionellen Zelte und das Essen geblieben, das man früher noch mit seinem Taschengeld bezahlen konnte?

Zum Glück gibt es seit 2010 die Oide Wiesn. Es gibt gute bayerische Blasmusik im gemütlichen Festzelt, alte Karusselle und Pferderennen. So kann man dem bayerischen Ballermann entfliehen und einfach das genießen, was man früher als Selbstverständlichkeit empfunden hat. Natürlich darf man auch den Einzug der Wiesnwirte und Brauereien, den Fassanstich und den Trachten- und Schützenzug nicht vergessen. Prachtvoll geschmückte Pferdegespanne, Gruppen in historischen Festtagstrachten und die Musikkapellen begleiten uns in eine andere Zeit und lassen die alten Traditionen wieder aufleben. So geht es hoffentlich jedes Jahr weiter, damit wir uns daran zurück erinnern, wie alles begann!

Und so könnten wir immer und immer weiter über früher und heute diskutieren.
Egal wie wir über das Oktoberfest denken, eins bleibt immer bestehen: Man ist dort um die Zeit mit seinen Freunden zu genießen. Und ist das nicht eigentlich die Hauptsache?!

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