21.
February
2019
Werden wir immer bequemer?

„1-Click-Bestellung“; „Morning-Express-Lieferung“; „Same-Day-Lieferung“; „Sprachnachrichten“; „Alexa“ und „Siri“. Alles Begriffe, über die man heutzutage sicherlich mehrmals täglich unbewusst nachdenkt.  

Telefonieren, die fixen Treffen mit Freunden, sich ein Wochenende zum Shoppen & Einkaufen freihalten oder einfach mal in eine Bücherei gehen. Fremdbegriffe.

Bequemlichkeit oder Gewohnheit?

 

Kennt Ihr nicht noch die Zeit, in der man sich schon in der Schule für Nachmittags verabredet hatte, wöchentlich ein Vermögen für die Prepaid-Karte ausgegeben hat, um das tägliche Telefonat mit der besten Freundin wahrnehmen zu können, sich die Mahngebühren für ein vergessenes Buch oder CD aus der Bibliothek zu schulden hat kommen lassen, oder in der man beim Wocheneinkauf mit den Nachbarn über den neuesten Tratsch und Klatsch redete? Heutzutage kaum vorstellbar.

Ich bin zwar erst Anfang zwanzig, aber ich muss sagen, diese Zeiten vermisse ich sehr. Aber was war denn so anders als jetzt, heutzutage ist doch alles einfacher und bequemer, oder nicht?

 

Meiner Meinung nach waren wir damals zum einen viel verlässlicher was das Pflegen sozialer Kontakte angeht. Hatte man sich fix verabredet, gab es kein zurück mehr. Kurzfristig absagen kam eigentlich nur im seltensten Falle vor. Wie auch, wenn der Andere unterwegs war und kein Handy dabei hatte, war das auch schwer. Heute geht jeder davon aus, dass man 24/7 erreichbar ist. Die Hemmschwelle zum Absagen ist bei einer „Whatsapp Nachricht“ halt auch nicht so hoch als das persönlich an der „Strippe“ machen zu müssen. Auch die Omas und Tanten haben sich doch immer über einen persönlichen Anruf gefreut.

Die selbstgeschriebenen Briefe und Postkarten, die ich bis heute noch alle in einem Karton im Keller gesammelt habe, wurden dreist durch Sprachnachrichten und Voice-Mails ausgetauscht. Wann habt ihr zuletzt einer alten Freundin oder der Familie einen Brief geschrieben? Natürlich darf man nicht vergessen, dass man heutzutage aufgrund des Fortschrittes auch einfacher Kontakt zu Menschen in anderen Länder  oder Regionen aufnehmen kann, ohne selbst dorthin fahren/fliegen zu müssen. Ist natürlich auch ein zeitlicher bzw. finanzieller Pluspunkt. Hier mal schnell ein Bild oder Video per Whatsapp oder Instagram geteilt, da mal ein neues Profilbild auf Facebook, damit auch jeder sieht was bei mir eigentlich alles passiert. Sitzt man dann mal vor seinen Freunden oder der Familie, weiß man schon gar nicht mehr was man eigentlich erzählen soll. Ist ja alles öffentlich.  Mit Fremden zu reden bzw. ihnen einen Blick zu würdigen ist auch schon nicht mehr Gang und Gäbe. In den Öffentlichen richtet fast jeder den Blick nur noch auf sein Smartphone oder Tablet. Schade eigentlich, es gibt doch so viel Schönes zu sehen.

 

Zweitens: Thema Einkaufen. Ich kann mich noch an die tausenden Post-Its an unserem Kühlschrank erinnern, auf denen wirr verschiedenste Lebensmittel, Toilettenartikel oder anderen Kram, den man am Wocheneinkauf zu besorgen hatte, notiert wurde. Überblick über die Speisekammer und die monatlichen Ausgaben waren in meiner Familie schon immer sehr hoch geschrieben. Man sollte ja so wenig wie möglich wegschmeißen. Im Dorfladen gab es eine gute Auswahl aus regionalem Gemüse, Obst, Fleisch und selbst gebackenem Brot vom Bauer um die Ecke. Sowas wie „Amazon-Fresh“ oder „ Lieferando“ stand da noch in den Sternen. Wenn man doch mal Essen vom Lieblingsitaliener bestellen wollte, musste man telefonisch seine Bestellung aufnehmen lassen und in den meisten Fällen selbst abholen, am besten noch mit dem Fahrrad. Man musste sich halt Gedanken über seine Wochenplanung machen. Wie schaut es heute aus? Meiner Meinung nach leben wir in einer Welt, in der allgemein viel zu viel weggeworfen wird. Konsum, das ist doch der eigentliche Leitspruch der uns treibt. Gruselig ist doch auch, dass man selbst frische Lebensmittel wie Fleisch und Fisch, oder auch Gemüse und Obst bei verschiedensten Anbietern im Netz bestellen kann. Natürlich kommen die Waren meist am selben Tag an, sodass man davon ausgehen kann diese sind wirklich frisch. Aber mir vorzustellen wie diese überhaupt so lange in irgend welchen Lagerhallen „frisch gehalten“ werden, möchte ich eigentlich nicht. Durch diese einfache Bestellung fällt es uns leichter, mehr zu kaufen. Wird ja eh vor die Türe geliefert, und wenn mal was schlecht wird, egal, kann ich mir ja gleich nachbestellen. Aber was das für Folgen für uns und unsere Umwelt hat, unvorstellbar.

 

Drittens: unsere Persönlichkeit bzw. Gesundheit. Draußen Fangen und Verstecken zu spielen, im Kinderturnen mitzumachen, lange Spaziergänge im Wald, Gesellschaftsspiele mit Freunden bei einem Glas Wein, Kinobesuche usw. waren neben Job und Haushalt in die wöchentliche Routine mit eingeplant. Heute: Chatten, Skypen, Netflixen, Home-Workouts mit Youtube-Videos, Smarthome einrichten usw. Alexa und Siri finden schon eine passende Beschäftigung für mich. Auch ich muss zugeben, ich war schon lange nicht mehr im Kino, Theater oder im Wald spazieren. Ist halt doch einfacher und billiger sich Filme und Serien auf Netflix anzuschauen oder zu Hause ein wenig zu trainieren. Sich nach einem langen Arbeitstag noch aufzuraffen ins Kino zu gehen oder einen Spieleabend zu organisieren ist dann halt doch anstrengend.  Dann liest man aber immer häufiger dieses Wort: Depression und Burn-out. Nach einer Stu­die der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) waren 2015 rund 322 Millionen Men­schen betroffen, 4,4 Prozent der Weltbevölkerung. Das waren gut 18 Prozent mehr als zehn Jahre zuvor. Das muss man sich mal vor Augen führen. Die Unzufriedenheit kommt aber nicht nur durch den sozialen Rückzug, auch all die Social Media Kanäle können Grund dafür sein. Sie spiegeln uns eine wunderschöne Welt, zeigen uns wie die Menschen in unserer Umgebung anscheinend ihre Zeit verbringen (natürlich nur mit tollen Aktivitäten, Reisen usw.) und wie sich der eine oder andere Promi mal wieder einer Schönheits-Op unterzieht. Da kommt Frust und Neid auf, keine Frage.

Zudem sind wir kaum mehr ausgeglichen. Nur zu Hause zu sitzen, den Kindern das Tablet zum Spielen hin zu werfen, selbst den ganzen Tag am PC zu sitzen tut keinem körperlich und seelisch gut.

 

Mir fallen noch tausend andere Fakten ein, über die ich schreiben könnte. Aber ich ziehe hier mal einen Schlussstrich. Ich möchte niemandem etwas vormachen, ich lebe genauso in diesem Jahrhundert wie Ihr und werde höchstwahrscheinlich auch kein Apostel mehr, aber ich möchte einfach, dass sich jeder mal ein wenig Gedanken über dieses Thema macht, denn es ist so umfangreich in jegliche Richtungen, aber extrem wichtig für einen selbst!

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